Dembelogedanken: Leseverhalten

Stelle dir vor, du wartest: auf den Bus, beim Arzt, auf die Verabredung.

Das Warten ist eine sehr typische Zeitspanne, die wir früher mit nichts verbracht haben. Heute ist es die Zeit, in der wir fast schon zwanghaft zum Handy greifen. Während früher nur die Hardcore-Leser immer so gut ausgestattet waren, dass sie überall und jederzeit ein Buch zur Hand hatten, so verbringt heute jeder diese “Zwischenzeit” mit Lesen. Facebook, Twitter und Co. führen uns zu verschiedensten Onlinemagazinen, Blogs oder Diskussionen. Das Einzige, was über diese Kanäle schlecht erreichbar ist, ist Literatur. Selbst wenn wir uns für Bücher interessieren, in dieser grauen Zwischenzeit des Wartens lesen wir ÜBER Bücher, aber eher selten Bücher selbst.

Dies hat verschiedene Gründe, und ich gehe hier nur auf wenige ein: Zum einen sind Bücher nicht frei zugänglich. Ein Facebook-Beitrag oder ein Tweet kann uns nur zu einem Shop führen, in dem uns ein ganzer Kaufprozess, vielleicht sogar eine ganze Registrierung und die Downloadphase des Werks erwarten. Selbst wenn ein Shop diesen Prozess perfekt optimiert hätte (und so wirklich hat das doch noch nicht mal Amazon mit dem 1-Klick-Kauf), in unseren Köpfen wäre dies ein Schritt, der für diese Zwischenzeit (unabhängig von ihrer realen Spanne) zu groß ist. Wir schrecken davor zurück.

Vergleiche hierzu ältere Artikel zum Thema Bücher suchen und finden und die beiden Büchergefahr-Episoden die diese auslösten:

Wieso man eBooks eben nicht, einfach mal zwischendurch kauft.Neulich ging es mal um den Mehrwert von eBooks, ein…

Posted by type:area on Thursday, July 9, 2015

http://buechergefahr.de/1/

Über das Finden


http://buechergefahr.de/11/
https://www.typearea.de/2015/09/wenn-man-das-suchen-einfach-weglaesst/

Doch selbst wenn wir uns überwinden und das Buch kaufen, geht mit diesem Vorgang so viel der begrenzten Zwischenzeit verloren, dass wir kaum noch Zeit haben, reinzulesen, und es entsteht der Effekt, den wir aus dem Bücherregal kennen: Wir wollen es lesen, vergessen aber wieso. Dadurch gerät das Buch selbst in Vergessenheit, und nur selten kommen wir in der nächsten Wartephase wieder darauf zurück. Viel wahrscheinlicher ist es, dass wir aus einem Reflex heraus unsere Zwischenzeit erneut mit den vertrauten “Berieselungsquellen” wie Facebook und Twitter füllen.

Wieso uns in diesen kurzen Phasen die dynamischen Inhalte mehr reizen als die statischen ist leicht erklärt: In der eBook-App erwartet uns nur das, was wir dorthin geschoben haben. Das, was uns darunter sofort gefesselt hat, haben wir am Stück konsumiert und zwar gezielt, in einer exakt dafür eingeplanten Lesezeit. Beim Rest können wir uns in der Regel nicht mehr daran erinnern, wieso wir es runtergeladen haben. Da wir es aber bereits getan haben, gilt der Inhalt als bekannt, und da er uns nicht direkt gefesselt hat, auch als langweilig. Von den dynamischen Inhalten erwarten wir immer wieder etwas Neues. Das bekommen wir nicht – weil gerade diese Kanäle in der Regel aus den ewig gleichen Kamellen bestehen – aber da wir wissen, dass sich in unserer Abwesenheit etwas ändert, haben wir immer wieder die Hoffnung, dass etwas Neues dabei ist und lassen uns, durch diese Hoffnung getragen, von gerade mal ausreichenden Inhalten unterhalten.

Mit waszulesen.de will Dembelo Literatur selbst zu einem dynamischen Inhalt machen. Das heißt, dass die Texte zuerst einmal frei zugänglich sein müssen und sich unabhängig vom Leser ändern bzw. erweitern. Mit einer konsequenten CC-by-sa-Lizenzierung ist der freie Zugang schon mal kein Problem. Jeder Link, der auf einen Dembelo-Inhalt führt, liefert dem Leser sofort Text, kein Shopsystem, kein Login, keine App, die heruntergeladen und installiert werden muss. Einfach nur Text, der gelesen werden kann.

Nach dem gradlinigen Erstzugriff muss die Kontinuität klar gemacht werden: Von jedem Text aus muss man weiter lesen können und das idealerweise unabhängig davon, ob einem der Text gefallen hat oder nicht. Immerhin kündigen wir unseren Facebook-Account nicht, nur weil wir uns gerade über die hässlichen Katzen in der Timeline ärgern. Dies realisieren wir bei Dembelo dadurch, dass jeder Text in ein Netzwerk von Texten eingehängt ist. Das bedeutet, dass er in andere Texte übergeht, aber auch, dass er eine Quelle hat, zu der man zurückspringen kann. Er ist in ein Cluster aus Texten eingebettet, die ihm selbst ähnlich sind, dadurch aber auch von anderen Clustern getrennt, die sich gezielt von ihm unterscheiden, und gerade diesen Aspekt darf man nicht unterschätzen. Nur weil ich einen Text konsumiert habe, heißt das noch lange nicht, dass er mir gefallen hat, daher muss ich die Option bekommen, mich gezielt von ihm abwenden zu können und etwas anderes zu lesen, ohne dass ich gezwungen bin, einen völlig neuen Suchprozess zu beginnen. Immerhin ist die Aussage “Das nicht!” für die Frage “Was gefällt mir?” sehr relevant.

Momentan bieten uns nur sehr wenige Plattformen die Möglichkeit, anzugeben, was wir NICHT wollen, und die Ausformulierung dessen, was wir wollen, ist oft schwierig. Andererseits sind wir es spätestens seit Facebook, YouTube und Co. gewohnt, geradezu willkürlichen Inhalt zu konsumieren. Diese Bereitschaft, einfach “zu nehmen, was kommt” kommt daher, dass uns Internetinhalte jederzeit die Option geben, “weiterzuscrollen”, “weiterzuklicken” oder einem Link zu folgen. Diese in den Inhalt eingepflegten Ausstiegspunkte erlauben ein “Zappen” durch Texte und steigern unsere Bereitschaft, Dinge zu lesen, die wir nicht gezielt gewählt haben, und damit steigern sie auch die Chance, neue Themen und Texte zu finden, die uns reizen. Dembelo überträgt dieses schier selbstverständliche Konzept auf Unterhaltungsliteratur, damit wir nicht mehr nur durch deprimierende Nachrichten zappen, sondern auch durch Erbauliches.

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